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Entfremdung
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Entfremdung oder Alienationcite-ref-1[1] bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine vormals feste, nicht in Frage gestellte Beziehung des Menschen aufgehoben, verkehrt, gestört oder zerstört wird. Dies kann die Beziehung eines Menschen zu sich selbst – im Sinne einer Selbstentfremdung –, zu seinen Mitmenschen, zur Natur, zu seiner Arbeit oder dem Produkt seiner Arbeit betreffen.

Der Begriff ist zentraler Bestandteil unter anderem der Kulturkritik, der Gesellschaftskritik, der Wachstumskritik sowie des Primitivismus. Entfremdung ist außerdem Thema vieler Romane und anderer kĂŒnstlerischer Werke.

Contents

‱ Etymologie
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Etymologie

Der Begriff geht auf die lateinischen Wörter alienatio (Entfremdung, EntĂ€ußerung, das Weggeben einer Sache in fremden Besitz, Abfall) und alienare (verĂ€ußern, entfremden, entzweien, in fremde Gewalt bringen, in fremde HĂ€nde geben) zurĂŒck, womit die klassische bĂŒrgerliche englische politische Ökonomie die „VerĂ€ußerung“ eines Gegenstandes, der dadurch seinem Produzenten „entfremdet“ wird, und die naturrechtlichen Theorien vom Gesellschaftsvertrag des 18. Jahrhunderts die „Übertragung“ (Die VerĂ€ußerung, den „Verlust“) der ursprĂŒnglichen Freiheit an eine dem Individuum fremd gegenĂŒberstehende Macht (Gesellschaft, Herrscher) bezeichnen.cite-ref-klaus-buhr-2-0[2]cite-ref-3[3]

Überblick

1. „Entfremdung“ ist der gesellschaftlich vorangetriebene und unumkehrbare Prozess der Aneignung der Natur und ihrer materiellen und geistigen Umgestaltung zu Kultur samt den Institutionen, die fremdbestimmt wirken, sobald sie die Menschen beherrschen und sich ihren individuellen und kollektiven WĂŒnschen entgegenstellen.
2. Als „Entfremdung“ wird auch das individuelle und der Steigerung fĂ€hige GefĂŒhl der Vereinzelung und Abgegrenztheit von allen anderen Lebewesen und Dingen bezeichnet, zu dem Menschen kraft ihrer Selbstreflexion in der Lage sind, und das durch psychische Konstrukte zu ĂŒberbrĂŒcken versucht wird. Verbindungen zwischen diesen Aspekten bestehen insbesondere in der notwendig eingenommenen Gegenposition des Menschen zur Natur und den resultierenden GefĂŒhlen von Vereinzelung und Abgegrenztheit des einzelnen Menschen von allem anderen.
3. „Entfremdung“ „kennzeichnet ein Fremdwerden (auch ein Fremdmachen), wobei dieses Fremdwerden ein selbstverursachtes ist, die eigene TĂ€tigkeit dessen – ob Individuum, Gruppe oder Menschheit ĂŒberhaupt –, der sich entfremdet sieht oder gesehen wird, ist Ursache fĂŒr die Entfremdung, wie es das Eigene (oder Angeeignete) ist, das fremd erscheint oder wirkt.“ (Achim Trebeß)
4. Entfremdung ist ein zentraler Kritikpunkt am Kapitalismus, vor allem bei Karl Marx; ausgehend von Hegel. Er argumentiert im Rahmen seiner Kritik der Arbeit, dass der Mensch – durch die nur an Profit (bzw. Mehrwert) orientierte Produktion – von seinem Produkt wie auch von sich selbst entfremdet wird, siehe auch Entfremdete Arbeit, Verdinglichung und EntĂ€ußerung.
5. „Entfremdungsprozesse sind in jeder Entwicklung unvermeidlich. Überwindung von Entfremdung gehört daher zur Entwicklung von SubjektivitĂ€t als anthropologische Konstante. Aber der Mensch ist immer auch gefĂ€hrdet, Entfremdung nicht mehr zu ĂŒberwinden.“ (Jonas Wollenhaupt)cite-ref-1-4-0[4]
6. „Der Begriff der Entfremdung ist fĂŒr Sozialpsychologie, Soziologie und Sozialphilosophie unverzichtbar. Einerseits könnte sonst soziales Leid kaum adĂ€quat beschrieben werden, andererseits ist Entfremdung ein historisch wiederkehrendes GefĂŒhl, das fĂŒr kritische Gesellschaftstheorien nicht zu entbehren ist. Entfremdung markiert außerdem eine ethisch notwendige GrĂ¶ĂŸe Kritischer Theorie.“ (Jonas Wollenhaupt)cite-ref-1-4-1[4]

In der Philosophie

Der Begriff der Entfremdung ist ein Grundbegriff der Philosophie. Seine UrsprĂŒnge sind bis in die griechische Antike zurĂŒckzuverfolgen. So lĂ€sst sich bereits bei Aristoteles die Unterscheidung zwischen Muße und dienstbaren TĂ€tigkeiten ausmachencite-ref-0-5-0[5]. Letztere sind grundsĂ€tzlich entfremdend, da das Subjekt in seiner TĂ€tigkeit nicht bei sich ist. In den philosophisch-theologischen Theorien der Gnosis und des Mittelalters wird dann Entfremdung zur Entfremdung von Gott. Diese ist dementsprechend nur durch eine gottgefĂ€llige Lebensweise zu ĂŒberwinden. Erst in der Renaissance wird das Selbst und damit die Selbstentfremdung wieder in den Blick genommen.cite-ref-0-5-1[5] In der deutschen Philosophie bezeichnete „Entfremdung“ einerseits juristisch und wirtschaftlich das VerĂ€ußern von etwas, z. B. von Besitz und Freiheit, und andererseits, das sich Lösen vom nur Weltlichen, in Vorbereitung auf das Göttliche. In diesem Sinne war der Begriff positiv markiert und blieb das auch bis ins 19. Jahrhundert, bis zur Romantik und dank der an der Antike orientierten Weimarer Klassik. Der Mensch war durch die Götter in die allumfassende Endlichkeit des Universums eingeordnet. Die Begeisterung der Romantik fĂŒr das Mittelalter brachte die negativ konnotierte Entfremdung als Kehrseite der Freiheit mit.

Entfremdung konnte aber auch bedeuten, Gott entfremdet zu sein, in Körperliches und Sinnliches verstrickt zu sein und damit den prinzipiell erlösungs­bedĂŒrftigen Zustand menschlicher Existenz aufzeigen. FĂŒr Martin Luther (1545) und spĂ€ter Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1841) ist das Leben der Heiden in „Gottesferne“, „Unglaube“, „Unwissenheit“ und „Verblendung“ das entfremdete Leben. In der Bibel, im Brief des Paulus an die Epheser (4.18) heißt es:

„Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens.“

Im 17. Jahrhundert bezeichnet Blaise Pascal den Menschen als im unendlichen Weltall kosmisch entfremdet. Er stehe in der Mitte zwischen Nichts und All, zwischen unendlichen Extremen, die in Gott vereinigt wĂ€ren. Da man nicht zu einem dieser Extreme kommen könne, solle man in der Mitte verharren und ĂŒber diese AbgrĂŒnde nachdenken. Wie lange zuvor Augustinus und spĂ€ter SĂžren Kierkegaard plĂ€dierte Blaise Pascal fĂŒr ein christliches Leben, um den durch die ErbsĂŒnde gesetzten Zustand einer entfremdeten Welt am besten zu begegnen.

In seinem originĂ€ren juristisch-wirtschaftlichen Sinne gebraucht auch Jean-Jacques Rousseau den Begriff „Entfremdung“. Das menschliche Individuum ging vom Naturzustand solitĂ€rer Freiheit in die Freiheit selbstgegebener Gesetze ĂŒber. Dieses gesellschaftliche VerhĂ€ltnis verstellte nun die natĂŒrlichen und organischen Beziehungen des Menschen zu seiner Natur, zur Ă€ußeren Natur und zu seinen Mitmenschen. Dieser Vorgang war nach Rousseau unumgĂ€nglich und ist unumkehrbar.

Ende des 18. Jahrhunderts baut Wilhelm von Humboldt einen anderen Ansatz auf: Der Mensch sei in einem Konflikt, „durch den Anspruch seines inneren Wesens, den Inhalt des Begriffs der Menschheit in Person zu schaffen“, und durch seine Natur, „von sich aus zu den GegenstĂ€nden außer ihm ĂŒberzugehen“. Es komme nun darauf an, „daß er in dieser Entfremdung nicht sich selbst verliere“ (Reinhart Maurer, 1973). Alles Nicht-Ich, das Fremde, ist immer nur das Material und Instrumentarium, das der Mensch zu seiner Entfaltung gebraucht, mit dem er die unendliche Aufgabe zu erfĂŒllen sucht, sich die Welt bewohnbar zu machen. Der Mensch hat unendliche Freiheit in einer auf endliche, erfahrbare Weise unendlichen Welt, in der er als freies Subjekt nie und nirgends ganz zu Hause sein kann.

Zentral ist das Konzept der Entfremdung auch im literarischen Werk von Friedrich Hölderlin (1770–1843), der sich darin, um ihr zu entkommen, immerzu nach Verschmelzung und Wiedervereinigung sehnt.cite-ref-hno-6-0[6]

Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel um 1800 ist Entfremdung Selbstentfremdung, so wie Erkenntnis gleich Selbsterkenntnis ist – ein Prozess, in dem das Selbst seine Wirklichkeit als durch seine TĂ€tigkeit geworden begreift und sich diese seine Wirklichkeit aneignet. Es ist also ein höheres Bewusstsein seiner selbst, der Geist wird im menschlichen Bewusstsein Gegenstand seiner selbst. Dabei treten Subjekt als Selbstbewusstsein und Objekt, als die Ă€ußerliche Welt auseinander. Entfremdung ist die Bewegung des sich selbst Wirklichkeit gebenden Subjekts, also Selbstentfremdung. Daraus folgt eine sich sukzessiv höherentwickelnde Durchdringung von Subjekt und Objekt.

Die Aufhebung der Entfremdung sieht Hegel in der „wahrhaft religiösen Versöhnung mit der Wirklichkeit, welche die Philosophie begreift [
] nicht aber im Glauben, der Flucht aus dem ‚Reiche der Gegenwart‘ ist.“

„Was der Geist will, ist, seinen eigenen Begriff erreichen (den Ort an dem er theoretisch und praktisch in Harmonie mit dem Ganzen steht); aber er selbst verdeckt sich denselben, ist stolz und voll Genuß in dieser Entfremdung seiner selbst.“

–

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

:

Die Vernunft in der Geschichte, hier zitiert nach: Reinhart Maurer 1973

Ähnlich – nur christlich gewendet – sieht der Romantiker Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling 1827 die Entfremdung: „das im Menschen sich selbst Bewußte und zu sich Gekommene.“ Vor allem ist es bei Schelling aber auch die Entfremdung von Gott. Damit wird wieder auf den versöhnungsbedĂŒrftigen Zustand der Welt nach Vollendung der Schöpfung hingewiesen. Schelling sieht durch das menschliche Bewusstsein einen kosmologisch katastrophalen Fall auf der Welt eingetreten. Bei Schelling besteht eine romantisch-historistische VerknĂŒpfung von Schöpfungslehre, Bewusstseinsphilosophie und theologischer Geschichtsphilosophie.

FĂŒr Ludwig Feuerbach ist Religion nur die Projektion des menschlichen Wesens auf ein ihm Ă€ußerliches, fremdes Wesen. Gott ist also das entfremdete Wesen des Menschen. Feuerbachs Ziel war es, die Theologie in die Anthropologie aufzulösen. Denn Religion sei eine bloße jenseitige Kompensation der diesseitigen Entfremdung.

Karl Marx gebraucht den Begriff schließlich in einer ganz „weltlichen“ Weise: Der Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkauft, produziere nicht nur fĂŒr sich selbst und sei zufolge der Arbeitsteilung nur ein Glied in der Produktionskette. Das Arbeitsprodukt werde ihm entfremdet, und so entfremde er sich auch von seinen Mitmenschen. In den Waren zeige sich die Verdinglichung der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse und das entfremdete Wesen des Daseins, das die Menschen beherrsche, das sie in Form des Geldes zu allem Übel auch noch anbeteten. Ausgang aus dieser Situation gibt es fĂŒr Marx nur unter verĂ€nderten Besitz- und ProduktionsverhĂ€ltnissen. Diese Begriffsverwendung nach Marx hat sich weitgehend durchgesetzt. Dabei nicht zu vernachlĂ€ssigen ist aber das auch von Marx gemeinte schmerzliche Empfinden eines Mangels von Selbstverwirklichung, das sich bei Entfremdung der Arbeit einstellt.

Weltanschaulich weiter geht noch die „existentielle Erfahrung, ein endgĂŒltiges Zuhause noch nicht gefunden zu haben“ (Peter Ehlen, 1976). Dabei handelt es sich um einen psychologischen Zustand der Dissoziation, dessen anderer Bezugspunkt ein Zustand der Vertrautheit, des Heimischseins, der Harmonie und Liebe zu sein scheint. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es den Begriff Entfremdung auch als medizinisch-psychiatrischen Begriff fĂŒr psychische Erkrankungen – bzw. fĂŒr ein (Teil-)Symptom selbiger.

Ausdruck zweier Strömungen fand der Begriff der Entfremdung im 20. Jahrhundert durch die französischen Dichter und Philosophen Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Beide konstatieren ein GefĂŒhl der Entfremdung bedingt aus der AbsurditĂ€t des menschlichen Lebens. Diese AbsurditĂ€t entsteht bei ihnen aus dem Widerspruch zwischen dem angestrebten sinnvollen Handeln und der Unerreichbarkeit dieses Ziels. Durch die Revolte gegen die AbsurditĂ€t der Welt und des Lebens und durch das bewusste Annehmen der AbsurditĂ€t könne diese ĂŒberwunden werden. WĂ€hrend Sartre eine gesellschaftliche Revolution im Sinne des Marxismus anstrebt, setzt Camus beim Individuum an, das erst durch eine eigene innere Revolte zur Möglichkeit der Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung im Sinne eines aufgeklĂ€rten Humanismus gelangen kann.

Zentrales Thema in den Überlegungen des Philosophen AndrĂ© Gorz ist stets die Frage der gerechten Verteilung der Arbeit, welche Teilhabe ermöglicht. Der Entfremdung entgegenwirken wĂŒrden somit selbstbestimmte, sinnvolle und erfĂŒllende TĂ€tigkeiten.

Die Leibphilosophie thematisiert die Entfremdung des Menschen von seiner Leiblichkeit und damit von sich selbst. Laut Gernot Böhme behandelt der moderne Mensch den eigenen Körper „wie den Körper des anderen, nĂ€mlich von außen“. Vom Leib wisse der moderne Mensch nichts, weshalb er sich „unheimisch“ in ihm fĂŒhle.cite-ref-7[7] Jens Marxen verbindet die Leibphilosophie mit der philosophischen Lebenskunst und möchte einen „Ausweg aus der Tristesse des entfremdeten Lebens“ aufzeigen. Statt um die „Harmonisierung von Körper, Geist und Seele“ mĂŒsse es laut Marxen darum gehen, „die leibliche Wirklichkeit zur Basis des guten Lebens“ zu machen.cite-ref-8[8]

In der Soziologie

FĂŒr den französischen Soziologen Émile Durkheim kommt Entfremdung aus dem Verlust gesellschaftlicher und religiöser Traditionen. FĂŒr viele europĂ€ische Soziologen des ausgehenden 19. und frĂŒhen 20. Jahrhundert war Entfremdung ein beherrschendes Thema: die Entfremdung des Menschen von primĂ€ren sozialen Bindungen (z. B. Familie) durch Individualisierung, die Entfremdung von der Natur durch Urbanisierung, die Entfremdung von der Arbeit durch Technisierung und Rationalisierung. Ferdinand Tönnies hat 1887 in „Gemeinschaft und Gesellschaft“ analysiert, die moderne Gesellschaft zeichne sich gegenĂŒber der sozialen Form der Gemeinschaft in der Gesellschaft durch entfremdete Zweckbeziehungen aus („Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde“). Georg Simmel hat 1900 in seinem Buch „Philosophie des Geldes“ moderne Beziehungen analysiert und kritisiert.

Das Konzept der Gemeinschaft wurde auch als romantisch bezeichnet. FĂŒr den Philosophen Martin Heidegger ist es die Seinsvergessenheit. Er sieht den technischen Humanismus als Grund der Entfremdung; dieser sei der selbstentfremdete Teil menschlicher WesenskrĂ€fte, geboren aus dem „Willen zur Macht“. Die technisch und institutionell durchwirkte Zivilisation, in der alles mit allem unĂŒbersehbar zusammenhĂ€ngt und sich dem Einfluss des Einzelnen versperrt, fasst Heidegger in dem Terminus „Gestell“ zusammen.

Die gesellschaftlichen Mechanismen und AbhĂ€ngigkeiten werden von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sehr genau herausgearbeitet.cite-ref-9[9] Die Autoren stellen z. B. gemeinsam in der Dialektik der AufklĂ€rung die These auf, dass die in der Zivilisation erlangte Macht ĂŒber die Natur nur zum Preis der Entfremdung von dieser zu haben ist. Eine Überwindung der Entfremdung ist so also nicht möglich. Gesellschaft und Kultur setzen Entfremdung voraus, brauchen sie geradezu. Der Einzelne kann sich der Entfremdung bedingt entziehen, indem er sich der Gesellschaft entzieht, sich auf Geist und Kunst konzentriert, sich von der Erwerbsarbeit fernhĂ€lt. Allgemein beschreiben Horkheimer und Adorno als Folgen der Entfremdungsprozesse:

1. Verlust des autonomen VerhÀltnisses zum Entfremdeten (Fremdbestimmtheit)
2. Verunmöglichung der unmittelbaren Erfahrung des Entfremdeten (Erfahrung der TotalitÀt)
3. Aufgabe einer Erkenntnis, welche die Sache wirklich trifft (Schein, Verblendung)
4. VerdrĂ€ngung und Verleugnung des Entfremdeten. Letzteres gilt insbesondere fĂŒr die Entfremdung des Menschen von seiner inneren Natur (Triebverzicht).

„Der Mythos geht in die AufklĂ€rung ĂŒber und die Natur in bloße ObjektivitĂ€t. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worĂŒber sie die Macht ausĂŒben.“

–

Theodor W. Adorno, Max Horkheimer

:

Dialektik der AufklÀrung. Philosophische Fragmente (21. Aufl., Fischer Taschenbuch Verlag 2013)

Wie Erich Fromm sagen auch Adorno und Horkheimer, dass die Masse nicht nur durch ihre Arbeitsbedingungen entfremdet ist, sie ist es auch in ihrer Freizeit. Hinsichtlich der Entfremdung gibt es keine Trennung von Arbeit und Freizeit mehr. Freizeit ist TrĂ€gheit, VergnĂŒgen, Konsum, Unterhaltung, Zerstreuung und dergleichen mehr. Das Stichwort hierzu ist Kulturindustrie.

„Kulturindustrie vermag zum einen, Kultur, Kunst der Industrie, der Verwertung zu unterwerfen und zum anderen mit genau dieser industrialisierten Kultur die Individuen in der Entfremdung zu halten, und zwar unter dem Beifall des Publikums.“

–

Achim Trebeß

In der Ă€sthetischen Theorie Adornos wird der Gedanke entwickelt, dass es ohne Entfremdung keine Kunst gĂ€be und ohne Kunst kĂ€me es zur totalen Entfremdung. So ist die Kunst ein Produkt der Entfremdung und ein Ort der Befreiung von ihr zugleich. Die generelle Ohnmacht der Kunst habe sich jedoch am deutlichsten im Faschismus erwiesen und erweist sich immer noch in der UniversalitĂ€t der Warenproduktion, die durch Arbeit und Geld Ergebnis und Ursache von Entfremdung ist. Kunst ist deshalb ohnmĂ€chtig, weil sie sich aus der Empirie befreit und so ĂŒber sie auch keine Macht hat, der Empirie vielmehr die Vormacht lĂ€sst. Je weniger sich die Kunst der Gesellschaft gegenĂŒberstellt und je mehr sie sich einbinden lĂ€sst, affirmativ ist, desto eher treibe Kunst die Entfremdung sogar noch voran. Kunst unterliege einer Aporie, nach der sie zur Affirmation verkommt, wenn sie sich der Gesellschaft öffnet, aber harmlos und ohne Einfluss bleibt, wenn sie sich der Gesellschaft entzieht und verschließt. So lĂ€sst sich nichts weiter konstatieren, als dass Gesellschaft und Kunst mit der Entfremdung in ihre je eigene Katastrophe gehen. Kunst mĂŒsse sich entweder selber abschaffen, abgeschafft werden oder „verzweifelt sich fortsetzen“.

Kunst könne also nicht Macht gegen Entfremdung sein, könne aber „Bewußtsein des anderen sein, seine selbstverdinglichte, zum Produkt geronnene RealitĂ€t.“ (Trebeß 2001, S. 162) Sie kann einen Entwurf eines Lebens ohne Entfremdung darstellen, ohne dass sie sich im Bereich der Praxis realisiere. Kunst stelle das Leiden an der Entfremdung dar und ermögliche ein individuelles und natĂŒrliches Verwirklichen. Das Verwirklichen der Individuen und auch das der Natur sei in der Gesellschaft unterdrĂŒckt, dagegen protestiere die Kunst und sei dadurch Entwurf des Besseren, des GlĂŒcks, der Wahrheit, des Nutzlosen. Kunst sei das Aushalten der Entfremdung.

FĂŒr den Soziologen und Philosophen Arnold Gehlen kompensiert die Kunst der Moderne die Belastungen, die den Menschen in der modernen, durchbĂŒrokratisierten Gesellschaft aufgetragen werden.cite-ref-12[12] Allerdings ist nicht jede Kunst zur Entlastung in der Lage, sondern nur Kunst, die nicht in bloßen emotionalen Affekt­ausdrĂŒcken besteht. Den Expressionismus beurteilte Gehlen daher negativ.

Das Aushalten und der Widerstand gegen die Entfremdung durch das Subjekt, wie das bei Adorno beschrieben wird, ist fĂŒr Jean Baudrillard wiederum die einzige Möglichkeit, ĂŒberhaupt noch Subjekt zu sein und seine IdentitĂ€t zu bewahren. Das heißt andersherum: „SubjektivitĂ€t braucht Entfremdung.“ (Trebeß 2001, S. 192). So kommt es dazu, dass Baudrillard einen Verlust der Entfremdung zugunsten der FraktalitĂ€t, der Zersplitterung und des Verlöschens des Einzelnen beklagt. Wenn die Entfremdung noch ein Leiden an ihr provozierte, das Problem der menschlichen Existenz stellte, so verschwinde dieses Leiden und Existieren in der allumfassenden Vernetzung durch Kommunikation. Befriedigt wird aber festgestellt, dass letztlich doch ein GefĂŒhl der Entfremdung bleibe.

Um 1968 verbreiteten sich Ideen der Situationisten, die der Entfremdung durch eine Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Leben begegnen wollen. Ihr Begriff von Entfremdung umfasst alle Bereiche des Lebens, die einer „Herrschaft der Ware“ unterworfen seien: Nicht nur die Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt wie bei Marx, sondern auch und hauptsĂ€chlich die Entfremdung und Trennung der Subjekte voneinander im Alltagsleben (siehe auch: Verkaufspsychologie) sei entscheidend in einer Zeit, die die Gesellschaft als rationale Menge von kybernetischen (Wirtschafts-)KreislĂ€ufen ansieht. Solche Ideen stehen aber auch insgesamt fĂŒr die 68er-Bewegung, die im rationalisierten Leben der Moderne nicht Wohlstand und offene Gesellschaft, sondern eher eine „Technokratie“ mit einem System „repressiver Toleranz“ (Herbert Marcuse) konstatierte.

Der Begriff der Entfremdung wurde in der weiteren Entwicklung der Kritischen Theorie Ă€hnlich wie das Konzept der „TotalitĂ€t“ und der „Verdinglichung“ einer grundlegenden Kritik unterzogen (Sölter 1996).

Gesundheitliche Auswirkungen

Die zunehmende Entfremdung des modernen Menschen wird fĂŒr eine Vielzahl von Krankheiten verantwortlich gemacht, die oft unter dem Begriff der „Zivilisationskrankheiten“ zusammengefasst werden. Hierzu zĂ€hlen sowohl physische als auch psychische Erkrankungen. Ursache ist, dass Körper und Geist fĂŒr ein Leben wie vor der neolithischen Revolution gemacht sind und fĂŒr ein Leben in der modernen Welt nicht angepasst sind, da die biologische Evolution des Menschen der rasenden Weiterentwicklung der Welt hinterherhinkt.

Psychische Krankheiten

FĂŒr verschiedene psychische Störungen sind EntfremdungsphĂ€nomene zentral. So kann beispielsweise die Entfremdung eines Kindes von einem Elternteil als Eltern-Kind-Entfremdung diagnostiziert werden, die entfremdete Wahrnehmung der eigenen Person als Depersonalisation und die entfremdete Wahrnehmung der RealitĂ€t als Derealisation.

Übertriebener Triebverzicht kann als Entfremdung von den eigenen körperlichen und emotionalen GrundbedĂŒrfnissen Auslöser fĂŒr eine psychische Störung sein.

Die zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur wird fĂŒr eine Vielzahl von psychischen Störungen verantwortlich gemacht, so zum Beispiel Depressionen und Angststörungen (siehe auch: Natur-Defizit-Syndrom).

Gegenmaßnahmen

Manche Menschen fĂŒhren ein einfaches Leben mit freiwilligem Verzicht, um die verschiedenen Formen der Entfremdung in ihrem Lebensalltag zu minimieren. Die philosophische und politische Strömung des Primitivismus sieht das einfache Leben als Ideal fĂŒr die gesamte Gesellschaft an, unter anderem deshalb, um den negativen Folgen weltweiter Entfremdung entgegenzuwirken.

Kritik am theoretischen Konstrukt der „Entfremdung“

Begriff und Konzept der Entfremdung wurden vielfach kritisiert, in jĂŒngerer Zeit etwa von Karl-Heinz Ott, der argumentiert, dass der Begriff oft auf Geschichtsklitterung bzw. einer Idealisierung und Romantisierung vergangener ZustĂ€nde beruhe: „[...] in dem Moment, wo wir einen Entfremdungsbegriff etablieren, nĂ€hren wir den Glauben, es gebe auf der einen Seite das Echte, Gute und Gesunde, auf der andern das Falsche, Kranke und Dekadente. Man baut sich ein Idealbild, an dem gemessen auch recht angenehme VerhĂ€ltnisse verrottet aussehen. Was passiert, wenn man das Idealbild mit Gewalt verwirklichen will, wissen wir spĂ€testens seit dem 20. Jahrhundert.“cite-ref-hno-6-1[6]

Literatur

‱ Peter Ehlen, in: Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. Walter Brugger. Freiburg im Breisgau 1976.
‱ Arnold Gehlen: Zeitbilder. Frankfurt am Main, Bonn 1965.
‱ Arnold Gehlen: Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung. Gesamtausgabe, Band 4. Frankfurt am Main 1983.
‱ AndrĂ© Gorz: Abschied vom Proletariat. 1980 (Ü. Heinz Abosch).
‱ Christoph Henning: Theorien der Entfremdung zur EinfĂŒhrung. Junius, Hamburg 2015, ISBN 978-3-88506-704-7.
‱ Joachim Israel: Der Begriff Entfremdung. Hamburg 1972.
‱ Rahel Jaeggi: Entfremdung. Zur AktualitĂ€t eines sozialphilosophischen Problems. Mit einem neuen Vorwort Berlin 2016 (zuerst Frankfurt am Main 2005).
‱ Georg LukĂĄcs: Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien ĂŒber marxistische Dialektik. 8. Auflage. Luchterhand, Darmstadt, Neuwied 1983.
‱ Reinhard Maurer, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Band I. MĂŒnchen 1973.
‱ IstvĂĄn MĂ©szĂĄros: Der Entfremdungsbegriff bei Marx. MĂŒnchen 1973.
‱ Metzler Literatur Lexikon: Begriffe und Definitionen. Hrsg. GĂŒnther Schweikle, Irmgard Schweikle. 2. ĂŒberarb. Auflage. Metzler, Stuttgart 1990.
‱ Charles Wright Mills: White Collar-The American Middleclasses. Oxford University Press, London 1951.
‱ Henning Ottmann, Hans GĂŒnther Ulrich: Entfremdung I. Philosophisch II. Theologisch-ethisch. In: Theologische RealenzyklopĂ€die. 9, 1982, S. 657–680.
‱ Alfred Oppolzer: Entfremdung. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 3. Argument, Hamburg, 1997, Sp. 460–469.
‱ Hartmut Rosa: Beschleunigung und Entfremdung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013.
‱ Friedrich Tomberg: Der Begriff der Entfremdung in den „Grundrissen“ von Karl Marx. In: Friedrich Tomberg: Basis und Überbau. Sozialphilosophische Studien. Neuwied, Berlin 1969, S. 131–181.
‱ Achim Trebeß: Entfremdung und Ästhetik. Stuttgart 2001.
‱ Dieter Wolf: Zur unmittelbaren und vermittelten Gesellschaftlichkeit der Arbeit. In: Der dialektische Widerspruch im Kapital. Ein Beitrag zur Marxschen Werttheorie. Hamburg 2002, S. 436 ff (PDF)
‱ Arpad A. Sölter: Moderne und Kulturkritik. JĂŒrgen Habermas und das Erbe der Kritischen Theorie. Bouvier Verlag Bonn 1996, ISBN 3-416-02545-8. [Diss. Univ. Köln 1993.].
‱ Jonas Wollenhaupt: Die Entfremdung des Subjekts. Zur kritischen Theorie des Subjekts nach Pierre Bourdieu und Alfred Lorenzer. Transcript [Sozialtheorie]. ISBN 978-3-8376-4552-1 Bielefeld 2018.
‱ Peter V. Zima: Entfremdung. 2015, ISBN 978-3-8252-4305-0.

Weblinks

Wiktionary: Entfremdung

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ David Leopold: Alienation. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2018.
‱ Entfremdung – Gehöre ich noch hierher?, Artikel von Christian Weber in der Serie Gemischte GefĂŒhle der SĂŒddeutschen Zeitung, 11. Dezember 2010
‱ Ökonomie und Entfremdung, Übersichts-Artikel ĂŒber verschiedenen Arten der ökonomisch bedingten Entfremdung, von Dolf Schiesser, bei ver.di Bildungszentrum Haus Brannenburg.
‱ [1], Ingo Elbe, Entfremdete und abstrakte Arbeit – zu Karl Marx’ Konzept der Entfremdung

Fußnoten

cite-note-11. ↑ Heinz Meyer: Alienation, Entfremdung und Selbstverwirklichung. 1984.
cite-note-klaus-buhr-22. ↑ Artikel „Entfremdung“. In: Georg Klaus, Manfred Buhr (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 11. Aufl., Leipzig 1975.
cite-note-33. ↑ Artikel „Entfremdung“. In: Kosing, A.: Marxistisches Wörterbuch der Philosophie. -Verlag am Park, Berlin.- 2015
cite-note-1-44. ↑ Wollenhaupt, Jonas: Die Entfremdung des Subjekts : zur kritischen Theorie des Subjekts nach Pierre Bourdieu und Alfred Lorenzer. Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8376-4552-1, S. 326.
cite-note-0-55. ↑ Wollenhaupt, Jonas: Die Entfremdung des Subjekts : zur kritischen Theorie des Subjekts nach Pierre Bourdieu und Alfred Lorenzer. Transcript, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8376-4552-1, S. 13–26.
cite-note-hno-66. ↑ Hölderlin nervt, oder? In: Die Zeit. Nr. 13, 19. MĂ€rz 2020, S. 53 (Interview mit Karl-Heinz Ott).
cite-note-77. ↑ Gernot Böhme: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-11301-1, S. 116.
cite-note-88. ↑ Jens Marxen: Den Sinn des Lebens spĂŒren. Leibphilosophie und Lebenskunst. 1. Auflage. Book on Demand, 2022, ISBN 978-3-7568-8822-1, S. 8, 153 f.
cite-note-99. ↑ „Radikale Vergesellschaftung heißt radikale Entfremdung.“ Adorno/Horkheimer 2000, S. 58.
cite-note-101. Theodor W. Adorno; Max Horkheimer: Dialektik der AufklÀrung. Philosophische Fragmente. 21. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2013, S. 15.
cite-note-112. 2001, S. 150
cite-note-1212. ↑ Zeitbilder, Frankfurt a. M., Bonn 1965, S. 222f.